Interview mit OB-Kandidat Uli Albicker zur Aktion des FUSS e.V. auf dem Offenburger Marktplatz. Bei der Aktion des FUSS e.V. auf dem Offenburger Marktplatz konnten Bürgerinnen und Bürger ihre Erfahrungen zum Fußverkehr direkt auf einem großen Stadtplan eintragen. OB-Kandidat Uli Albicker war den Vormittag über vor Ort, führte Gespräche und hörte zu. Im Interview spricht er über rote Punkte in der Innenstadt, unsichere Fußwege, Rücksicht im öffentlichen Raum und darüber, warum Fußverkehr für ihn kein Randthema ist.
Am Samstag lag Offenburg auf dem Marktplatz. Als großer, begehbarer Stadtplan. Bürgerinnen und Bürger konnten dort eintragen, wie sie den Fußverkehr in ihrer Stadt erleben: Wo sie sich sicher fühlen, wo Konflikte entstehen, wo Barrieren liegen und wo sich etwas ändern muss.
Mit dabei war auch OB-Kandidat Uli Albicker, der den ganzen Vormittag für Gespräche zur Verfügung stand. Wir haben mit ihm über seine Eindrücke gesprochen.
Uli, du warst am Samstag bei der Aktion des FUSS e.V. auf dem Marktplatz dabei. Was ist dir besonders aufgefallen?
Was mir sofort aufgefallen ist: Die Menschen müssen nicht lange überlegen. Wenn man sie fragt, wie es ihnen zu Fuß in Offenburg geht, dann kommen sehr schnell konkrete Orte, konkrete Situationen und konkrete Geschichten. Das war kein abstraktes Meckern über „den Verkehr“. Das waren Alltagserfahrungen. Da sagt jemand: „An dieser Kreuzung fühle ich mich unsicher.“ Oder: „In dieser Straße werde ich als Fußgänger an den Rand gedrängt.“ Oder: „Hier komme ich mit Rollator oder Rollstuhl kaum gut durch.“
Und dann sieht man auf dem Stadtplan sehr genau, wo Offenburg wehtut. Besonders in der Innenstadt haben sich die roten Punkte gehäuft. Das sollte uns nicht egal sein.
Warum gerade die Innenstadt? Dort ist doch vieles schon Fußgängerzone oder verkehrsberuhigt.
Genau das ist ja der Punkt. Auf dem Papier klingt vieles gut. Fußgängerzone, verkehrsberuhigter Bereich, Tempo 20, Tempo 30. Aber die entscheidende Frage ist: Wie fühlt sich das im Alltag an? Kommen ältere Menschen dort sicher durch? Können Kinder eigenständig unterwegs sein? Nehmen Radfahrer, E-Scooter und Lieferdienste Rücksicht? Wird kontrolliert, wenn Regeln dauerhaft ignoriert werden?
Eine Rückmeldung hat mich besonders beschäftigt: Eine ältere Frau sagte sinngemäß, dass sie sich in der Fußgängerzone wegen E-Scootern, Fahrrädern und rücksichtslosem Verhalten vor Stürzen fürchtet. Das ist heftig. Eine Fußgängerzone, in der sich Fußgänger nicht sicher fühlen, verfehlt ihren Zweck.
Welche Themen kamen in deinen Gesprächen immer wieder?
Sehr häufig ging es um Rücksicht. Aber Rücksicht allein reicht nicht, wenn der Raum falsch aufgeteilt ist oder Regeln nicht durchgesetzt werden. Genannt wurden Konflikte an der Unionrampe, Probleme in der Lange Straße, zugeparkte oder zu enge Bereiche, schwierige Situationen für Menschen mit Rollator oder Rollstuhl und immer wieder die Frage: Wer schützt eigentlich die Schwächeren im Verkehr?
Ein weiteres Thema war der ÖPNV. Wenn Busverbindungen am Abend oder am Wochenende schlecht sind, dann betrifft das auch den Fußverkehr. Denn Mobilität besteht nicht aus getrennten Schubladen. Wer mit dem Bus fährt, geht davor und danach zu Fuß. Wer keinen guten Bus hat, ist stärker auf andere Lösungen angewiesen. Und wer kein Auto hat, merkt diese Lücken sofort.
Was sagt diese Aktion über Beteiligung aus?
Sie zeigt, wie einfach gute Beteiligung sein kann. Man muss nicht immer zuerst ein dickes Gutachten beauftragen. Man kann einen Stadtplan auslegen, Menschen ansprechen und zuhören. Die Leute kennen ihre Wege. Sie wissen, wo es gefährlich, eng oder unangenehm ist.
Natürlich ersetzt so eine Aktion keine fachliche Planung. Aber sie liefert etwas, das in der Planung viel zu oft fehlt: Alltagserfahrung. Und die ist wertvoll. Stadtentwicklung darf nicht nur vom Schreibtisch aus passieren.
Was müsste eine Stadtverwaltung aus solchen Rückmeldungen machen?
Erstens: ernst nehmen. Nicht abwimmeln. Nicht sagen: „Dafür sind wir nicht zuständig“ oder „Das ist halt so“. Zweitens: sortieren und prüfen. Welche Punkte lassen sich schnell verbessern? Wo braucht es Kontrollen? Wo braucht es bauliche Veränderungen? Wo reicht vielleicht schon eine klarere Markierung oder eine andere Verkehrsführung?
Und drittens: zurückmelden. Beteiligung ist nur glaubwürdig, wenn die Menschen später erfahren, was aus ihren Hinweisen geworden ist. Sonst entsteht Frust. Dann heißt es irgendwann: „Wir haben es ja gesagt, aber es interessiert niemanden.“
Was wären für dich schnelle Maßnahmen?
Ich würde bei den offensichtlichen Konfliktstellen anfangen. Also dort, wo viele rote Punkte zusammenkommen oder wo besonders verletzliche Gruppen betroffen sind: ältere Menschen, Kinder, Menschen mit Behinderung.
Kontrollen in der Fußgängerzone und in verkehrsberuhigten Bereichen gehören dazu. Auch das Thema E-Scooter und Radverkehr auf Fußgängerflächen muss klarer angegangen werden. Dazu kommen kleine bauliche Verbesserungen: bessere Querungen, mehr Barrierefreiheit, sichere Gehwege, weniger zugeparkte Räume.
Nicht alles braucht Jahre. Manche Dinge brauchen vor allem politischen Willen.
Du kandidierst als Oberbürgermeister. Was bedeutet Fußverkehr für deine Vorstellung von Stadtpolitik?
Fußverkehr ist für mich ein Gradmesser für Lebensqualität. Eine Stadt, in der man gut zu Fuß unterwegs sein kann, ist meist auch für Kinder besser, für ältere Menschen besser, für den Handel besser, fürs Klima besser und für das soziale Miteinander besser.
Wir reden oft über große Projekte. Aber Stadt wird jeden Tag im Kleinen erlebt: beim Weg zum Bäcker, zur Schule, zum Arzt, zum Bus, zum Markt. Wenn diese Wege stressig, unsicher oder unangenehm sind, dann stimmt etwas Grundsätzliches nicht.
Manche würden sagen: Offenburg hat doch größere Probleme als ein paar Gehwege und E-Scooter.
Das klingt nur so lange plausibel, bis man selbst betroffen ist. Wer mit Rollator unterwegs ist, wer ein Kind an der Hand hat, wer schlecht sieht, wer langsam läuft oder wer Angst vor einem Sturz hat, erlebt diese Probleme jeden Tag. Für diese Menschen ist das kein Nebenthema.
Außerdem hängt vieles zusammen: Fußverkehr, Einzelhandel, Aufenthaltsqualität, Barrierefreiheit, Hitze, Begrünung, öffentlicher Raum. Wenn wir die Stadt menschlicher machen wollen, müssen wir genau dort anfangen.
Was nimmst du persönlich von diesem Vormittag mit?
Dass Zuhören kein Wahlkampfformat sein darf, sondern eine Haltung sein muss. Die Menschen haben nicht erwartet, dass ich sofort jede Lösung aus der Tasche ziehe. Aber sie haben gemerkt, ob jemand wirklich zuhört oder nur vorbeikommt, um gesehen zu werden.
Ich nehme sehr konkrete Hinweise mit. Und ich nehme mit: Offenburg hat viele Menschen, die ihre Stadt gut kennen und verbessern wollen. Diese Energie sollten wir nutzen.
Was sollte nun mit dem Stadtplan und den Rückmeldungen passieren?
Die Hinweise sollten sauber dokumentiert, an die Verwaltung und den Gemeinderat weitergegeben und öffentlich nachvollziehbar gemacht werden. Nicht als Beschwerdeliste, sondern als Arbeitsauftrag.
Dieser Stadtplan ist mehr als ein schönes Aktionsbild. Er zeigt, wo Menschen im Alltag Probleme erleben. Wer eine lebenswerte Stadt will, sollte genau hinschauen.
Wie geht es weiter?
Die gesammelten Hinweise des begehbaren Stadtplans werden nun ausgewertet und an Verwaltung und Gemeinderat weitergegeben. Besonders auffällig waren die vielen roten Markierungen im Bereich der Innenstadt. Sie zeigen: Gerade dort, wo viele Menschen zu Fuß unterwegs sind, entstehen auch besonders viele Konflikte.
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