Ein Mann mit Brille spricht in ein Mikrofon und hält ein Papier mit bunten Abschnitten in der Hand. Er trägt eine schwarze Jacke und steht vor einem weißen Zelt.Quelle: Uwe Nestlen | All Rights Reserved

„Selbsternannte Baumretter und Narzisten“? — Wenn Kritik im Umweltausschuss zum Problem wird

Der Offenburger Umweltausschuss diskutierte am 18. Mai den „Bericht zur Baumkontrolle und Baumpflege 2025“. Auf den Folien standen Zahlen zu Fällungen, Nachpflanzungen, Sturmschäden, Pflegekosten und künftigen Projekten. Doch zwischen Tabellen, Bilanzierungen und Prognosen zeigte sich vor allem eines: wie gereizt die politische Stimmung inzwischen geworden ist.

SPD-Stadtrat Schröder sprach während der Debatte mit Blick auf den Zuschauerrang von „selbsternannten Baumrettern“ und jenen, die „mit Dreck schmeißen, bis etwas hängen bleibt“. Stadtrat Vogt spricht gar von “einem Narzisten aus der Weingartenstraße”.

Gemeint waren offenkundig Menschen, die sich öffentlich mit den Baumfällungen in Offenburg auseinandersetzen. Menschen, die Zahlen nachrechnen. Menschen, die bei Fällungen nachfragen. Menschen, die dokumentieren, fotografieren, diskutieren und sich einmischen.

Kurz gesagt: Bürger:innen.

Wenn Bürgerbeteiligung nur erwünscht ist, solange sie leise bleibt

Diese Aussagen sind nicht einfach nur ein emotionaler Ausrutscher. Sie offenbaren ein tieferes Problem im politischen Umgang mit kritischer Öffentlichkeit. Denn wer engagierte Bürger:innen pauschal als Leute darstellt, die „mit Dreck schmeißen“, verschiebt die Debatte bewusst weg von den Inhalten. Statt über Baumverluste, Klimaanpassung oder die Entwicklung des Stadtgrüns zu sprechen, wird die Glaubwürdigkeit der Kritiker:innen angegriffen.

Das ist ein altbekanntes Muster: Nicht die Frage soll diskutiert werden — sondern die Person, die sie stellt.

Dabei reden wir hier nicht über Nebensächlichkeiten. Die Stadt selbst präsentierte Zahlen von:

  • 403 Fällungen aus der Baumschau 2025,
  • davon 164 Einzelbäume,
  • zahlreiche weitere Verluste im flächigen Bestand,
  • gleichzeitig aber nur 353 Nachpflanzungen insgesamt.

Und selbst diese Bilanz wird inzwischen kommunikativ zurechtgebogen, indem große zukünftige Projekte und „qualifizierte Baumquartiere“ gegengerechnet werden, während jahrzehntealte Großbäume verschwinden.

Ein neu gepflanzter Jungbaum ersetzt aber keinen ausgewachsenen Stadtbaum.
Nicht im Schatten.
Nicht in der Kühlleistung.
Nicht im Wasserrückhalt.
Nicht für die Aufenthaltsqualität.
Und schon gar nicht kurzfristig im Kampf gegen die Überhitzung der Stadt.

Die Widersprüche der Debatte

Besonders bemerkenswert war dabei die Gleichzeitigkeit von Lob und Kritik. Denn derselbe Stadtrat, der engagierte Bürger:innen abwertete, lobte den zuständigen Verwaltungsmitarbeiter beinahe hymnisch — kritisierte im selben Atemzug jedoch die Auswahl der Baumarten bei den Nachpflanzungen.

Genau das zeigt doch: Kritik an der städtischen Baumstrategie ist legitim. Sie ist notwendig. Und sie existiert längst auch innerhalb der politischen Gremien selbst. Warum also diese aggressive Reaktion auf Menschen außerhalb des Gemeinderats?

Vielleicht weil die Debatte inzwischen unbequem wird. Denn immer mehr Menschen merken: Es geht längst nicht mehr um einzelne Bäume. Es geht um die Frage, wie ernst Offenburg die Klimaanpassung tatsächlich nimmt.

Die eigentliche Krise: Verlust von Grünvolumen

Die Verwaltung spricht gerne über Stückzahlen. Doch die entscheidende Frage lautet: Wie entwickelt sich das reale Grünvolumen der Stadt?

Wie viele große, alte, klimaaktive Bäume verschwinden?
Wie viele Quadratmeter Kronenfläche gehen verloren?
Wie stark nimmt die Kühlwirkung im öffentlichen Raum ab?
Wie viele Jahrzehnte brauchen die Neupflanzungen, um diese Funktionen überhaupt annähernd zu ersetzen?

Darüber wird erstaunlich wenig gesprochen. Stattdessen erleben wir zunehmend eine politische Kommunikationsstrategie, die Kritik emotional delegitimiert: Wer widerspricht, gilt schnell als überzogen. Wer dokumentiert, als unfair. Wer nachrechnet, als Störenfried.

Demokratie endet nicht an der Zuschauertribüne

Gerade in Zeiten von Hitzesommern, Trockenstress und versiegelten Städten braucht es mehr öffentliche Debatte — nicht weniger. Menschen, die sich für Stadtbäume einsetzen, sind keine Gefahr für die Demokratie. Eine Gefahr entsteht vielmehr dann, wenn demokratische Beteiligung nur akzeptiert wird, solange sie freundlich applaudiert.

Der Zuschauerbereich im Umweltausschuss ist kein dekorativer Anhang der Kommunalpolitik. Dort sitzen Menschen, die von den Entscheidungen betroffen sind. Menschen, die ihre Stadt ernst nehmen. Menschen, die sich einmischen, weil sie verstanden haben, dass Stadtbäume keine Kulisse sind, sondern kritische Infrastruktur für die Zukunft.

Wer diese Menschen als „selbsternannte Baumretter“ und “Narzisten aus der Weingartenstraße” verspottet, offenbart vor allem eines:
wie unerquicklich es offenbar geworden ist, sich ernsthaft mit den Folgen der eigenen Stadtpolitik auseinanderzusetzen.

Loading

Bildquellen

Facebook
LinkedIn
Threads
WhatsApp

Schreibe einen Kommentar


Der Zeitraum für die reCAPTCHA-Überprüfung ist abgelaufen. Bitte laden Sie die Seite neu.